Den Blitz fangen

2025-08-25 – Über dem Meer breiteten sich Gewitterwolken aus...

Über dem Meer breiteten sich Gewitterwolken aus. In der Dunkelheit verschmolzen sie mit dem Wasser und flackerten nur gelegentlich in goldenen Aufblitzen. Der Jäger blickte in den Himmel, im Vorfeld des Sturms.

Schon in jungen Jahren zogen ihn Gewitter an – seine erste Jagd beschloss er mit bloßen Händen zu führen. Zusammen mit dem Regenwasser in seinen Stiefeln nahm er auch eine Lektion mit: Einen Blitz kann man nicht ohne Vorbereitung fangen. Ein nahegelegenes, brennendes Baumgerippe, das die Entladung nicht überstanden hatte, diente ihm als Beweis.

Der Jäger begann, Kolben zu bauen – hin und wieder wurden sie für einen flüchtigen Moment von einem Aufleuchten erhellt, um dann spurlos zu verschwinden. Die Blitze schlugen immer wieder daneben ein, und das Glas sprang häufig – der Jäger investierte große Mühe, es neu zu schmelzen, die Konstruktion zu verändern und sicherzugehen, dass es beim nächsten Mal besser gelingen würde. Nach vielen Jahren glänzten Saphirglas und Kupfer-Graphit-Schienen in der Dunkelheit – der Kolben war stabil und verlässlich.

Der Jäger wartete. Ja, diese Nacht war nicht für die Jagd bestimmt – der Himmel war bedeckt, doch es kam kein Sturm. Ein trockenes Gewitter entlud sich: Blitze flackerten nur für einen Augenblick hoch oben am Himmel, wagten es, die Dunkelheit kurz zu erhellen, ohne sich zur Erde hinabzutrauen. Ein solcher Blitz konnte den Kolben nicht füllen: Dort, wo ein starker in voller Kraft geglänzt hätte, verlor sich ein schwacher im Dunkel.

Der Horizont über dem Meer wurde von einem ungewöhnlichen, schlanken Blitz erhellt. Irgendwo in der Ferne, zwischen Wellen und Wind, zeigte er sich und löste sich auf, hinterließ nichts als einen hellen Abdruck in der Dunkelheit. Der Jäger lächelte. Es dämmerte. Eines Tages wird er einen Blitz fangen, der nicht in der Finsternis verlöscht. Der Kolben, zum ersten Mal unversehrt von Rissen, kehrte leise in seinen Rucksack zurück.